Interview Frank Maier

Prinzessin Lillifee trifft Losgröße 1 im Zeitalter von Industrie 4.0

Christop Ranze

Veröffentlicht in Magazin (Vision)

Christoph Ranze

Herstellung und Verkauf immens variantenreicher (Antriebs- und Automatisierungs-) Produkte sind das traditionelle Kerngeschäft von Lenze. Bringen die aktuellen Trends von Digitalisierung und Individualisierung ganz neue Herausforderungen? In einem Festvortrag anlässlich des encoway eDay hat Frank Maier, Vorstand Technik und Innovation bei Lenze, diese Frage eingehend erläutert. In diesem Interview spannt er noch einmal den Bogen von der Kinderbuchproduktion über Industrie 4.0 bis zum modernen Variantenmanagement.

Herr Maier, wie bewerten Sie den Trend zur immer stärker ausgeprägten Individualisierung von Produkten?

Zunächst einmal ist es grundsätzlich für Lenze nicht neu, dass Kunden Produkte verlangen, die möglichst gut zu ihrer Aufgabenstellung passen. Unsere Produktpalette deckt seit jeher ein breites Anwendungsspektrum ab, daher gehören Variantenvielfalt und individuelle Kundenwünsche zu unserem Tagesgeschäft. 

Die weiter steigende Nachfrage nach individuellen Produkten, die wir auch bei Lenze beobachten, trifft uns also nicht unvorbereitet. Dieser Trend hat aus meiner Sicht zwei wesentliche Treiber. Auf der einen Seite schlägt der Individualisierungstrend aus den Konsumenten-Industrien entlang der Supply-Chain früher oder später massiv bis zum Maschinenbauer und damit bis zu uns durch. Und aus meiner Sicht passiert dies eher früher als später. 

Auf der anderen Seite üben die verschiedenen technologischen und anwendungsbezogenen Anforderungen unserer Kunden Druck auf unser Produktportfolio und damit auf die Variantenvielfalt aus.

Der Titel Ihres e-Day-Vortrages, der auch der Titel dieses Interviews ist, klingt etwas merkwürdig. Was haben die genannten Begriffe miteinander zu tun?

Zugegeben, der Titel klingt schon sehr nach zusammengewürfelten Buzzwords. Aber beim zweiten Hinsehen gefällt er mir trotzdem ganz gut. Es geht doch vor allem darum, individuelle Produkte wirtschaftlich vernünftig in Losgröße 1 produzieren und liefern zu können. Und da macht uns die Konsumgüterindustrie schon heute vor, wie das geht. 

Mein Aha-Erlebnis war vor ein paar Jahren die Bestellung eines individualisierten Kinderbuches von Prinzessin Lillifee für meine kleine Tochter. Ich musste online etwa 15 Persönlichkeitsmerkmale angeben, wie Name, Alter, Haar- und Augenfarbe, beste Freundinnen etc. dazu Foto und Widmung. Nach wenigen Tagen bekam ich das Buch nach Hause geliefert, zu einem Preis von 25€.

Wenn das nicht die individuelle Produktion in Losgröße 1 mit einem Kostengerüst und Lieferzeiten eines Massenproduktes ist! Bei diesem Preis müssen die Fertigungs- und Logistikprozesse zwangsläufig vollautomatisch erfolgen. Umrüsten von Maschinen oder manuelle Eingriffe von Maschinenbedienern kann es dabei nicht geben. 

Für mich ist das ein klares Indiz dafür, dass solche Konzepte heute schon funktionieren und Industrie 4.0 bereits in Teilen Realität ist. Mein Punkt ist: Wir sollten Industrie 4.0 nicht als ein Release, nicht als Revolution verstehen. Die Evolution ist bereits in vollem Gange.

Für Lenze wird es in Zukunft ebenfalls darum gehen, die Herstellung und Abwicklung von Variantenprodukten weiter zu automatisieren. Anders werden wir die steigende Flut von Varianten nicht beherrschen können.

Können Sie das in Zahlen benennen?

Wir haben aktuelle Kennzahlen mit den Werten aus dem Jahr 2010 verglichen. Die Ergebnisse haben mich in der Deutlichkeit überrascht. Im Jahr 2010 hatten wir rund eine Million Produktvarianten, davon etwa 400.000 durch Konfiguration. Fünf Jahre später ist die Zahl der Produkte insgesamt auf 1,6 Millionen gestiegen, von denen nun 900.000 durch Konfiguration erzeugt wurden. 

Lenze Produkte durch Konfiguration
Entwicklung der Anzahl von Produktvarianten der Lenze SE

Das bedeutet unter anderem, dass in den letzten fünf Jahren im Schnitt 10.000 Produkte pro Monat entstanden sind. 

Welche Schlüsse können Sie aus diesen Zahlen ziehen?

Zunächst einmal ist erstaunlich, dass dreiviertel aller neuen Produkte durch Konfiguration entstanden sind, im Schnitt 7.500 pro Monat. Dieses Volumen konnten wir nur mit Hilfe der bereits vorhandenen konfigurierbaren Baukästen bewältigen.

Auch der absolute Anstieg der Produktvarianten ist signifikant. Die klassische Sicht der ‚Variantenvermeidung‘ funktioniert hier nicht mehr. Und nach meiner Einschätzung werden diese Zahlen weiter nach oben gehen. Und damit ist auch klar, dass wir unseren Baukasten immer weiter verbessern müssen, um mit dem steigenden Variantenreichtum Schritt halten zu können.

Was sind aus Ihrer Sicht die wesentlichen Herausforderungen, die sich daraus ableiten?

Ich sehe für uns zwei Schwerpunkte. Auf der einen Seite müssen wir einen Weg finden, 10.000 Produkte und mehr pro Monat zu erzeugen, ohne dass die Kosten explodieren. Das zentrale Element dafür ist ein cleverer Produktbaukasten mit dem sich die Varianten weitgehend automatisch erzeugen, anlegen und abwickeln lassen. 

Auf der anderen Seite müssen wir unsere Kunden in die Lage versetzen, sich in der Vielzahl unserer Produkte zurechtzufinden. Nur wenn ein Kunde schnell und zuverlässig das richtige Produkt für seine Anwendung findet, wird er überhaupt bereit sein, unsere Produkte zu kaufen. Und die Problematik des Findens in den 1,6 Millionen Varianten gilt natürlich auch für unsere eigenen Mitarbeiter. 

Lenze Trennung Produktstruktur von Funktionsstruktur
Für den effizienten Umgang mit steigenden Produktvarianten müssen Kundensicht und fertigungslogistische Sicht entkoppelt werden

Daraus lässt sich ein weiterer Schluss ableiten. Das Erzeugen von neuen Produkten muss von den Mechanismen der Produktsuche entkoppelt sein. Wir trennen bei Lenze deshalb eine Vertriebs- oder Kundensicht von der fertigungslogistischen Sicht auf die Produkte. 

Wenn das die Herausforderungen sind: Wie sieht sich Lenze hier aufgestellt?

Ohne zu viele Interna zu verraten: Zunächst einmal ist ein aufgeräumtes Portfolio die Grundlage unserer erfolgreichen Baukasten-Strategie. Es ist uns gelungen, die Baukasten-Philosophie in den physischen Produkten auf Bauteil-, Baugruppen- und Funktionsebene so umzusetzen, dass ein hoher Grad an Wiederverwendung möglich ist. Darüber hinaus implementieren wir so viele variantenbildende Produkteigenschaften wie möglich über Softwareeinstellungen. Im Ergebnis führt das zu einer deutlichen Reduzierung der inneren Varianz auf der Hardware-Seite und zu einer kosteneffizienten Fertigung, ohne die Lösungsbreite zum Markt einzuschränken. Unser neuer SmartMotor m300 ist ein sehr gutes Beispiel für solch ein modernes Variantenmanagement.

Als nächstes sind dann standardisierte Produktdaten wichtig. Mit einem Lean Data-Ansatz haben wir die Baukasten-Prinzipien im Produktentstehungsprozess und in der Fertigungslogistik konsequent in schlanke Produktmodelle umgesetzt. Diese ‚sauberen‘ Daten sind die Grundlage, um 10.000 Produkte im Monat quasi automatisch und damit kosteneffizient in den Systemen anzulegen und zu verwalten.

Sie nannten auch die Schnittstelle zum Kunden als wichtige Herausforderung. Was sind hier die wichtigsten Punkte?

Im Grunde genommen interessiert den einzelnen Kunden die immense Varianz unseres Portfolios nicht. Ein Kunde möchte schnell und zuverlässig das richtige, individuell passende Produkt für seine konkrete Anwendung finden. Dafür benötigt man clevere Tools mit gut durchdachten Bedienkonzepten. Es ist nicht mehr zeitgemäß, Kunden nur mit unübersichtlichen Katalogen und einer Vielzahl technischer Produkteigenschaften zu konfrontieren. 

Für uns spielt auch hier ein gut durchdachtes Datenmodell eine zentrale Rolle. Parallel zur Standardisierung der Produktmodelle haben wir eine Methode geschaffen, mit der wir die Bedarfe in der Kundensprache erfassen können. Diese Sprache wiederum ist die Grundlage für die Software-Werkzeuge, mit denen wir als Hersteller für die Such- und Bestellprozesse unserer Kunden die geforderten Mehrwerte bieten.

Letztendlich sehen wir in der Kombination exzellenter Baukastenprodukte, schlanker Daten und Prozesse sowie einer herausragenden Software-Kompetenz den Schlüssel für unseren Erfolg.

Herr Maier, vielen Dank für dieses Gespräch.

Zur Person: Frank Maier ist seit 2009 Mitglied des Vorstands der Lenze SE. Er verantwortet unter anderem die Bereiche Forschung & Entwicklung, Innovation und Prozesse. Maier studierte Elektrotechnik an der Universität Stuttgart und begann seine berufliche Laufbahn 1989 als Entwicklungsingenieur bei Hewlett Packard. Bei HP und ab 1999 im HP Spin-off Agilent Technologies war er in verschiedenen Geschäftsbereichen und Positionen in Deutschland und den USA tätig.